WCM - Das österreichische Computer Magazin Forenübersicht
 

Zurück   WCM Forum > Rat & Tat > Simulationen > So fliegt man richtig!

So fliegt man richtig! Fragen, Antworten, Diskussionen zum Fliegen von Jets im FS

Microsoft KARRIERECAMPUS

 
 
Themen-Optionen Ansicht
Alt 07.03.2000, 23:49   #1
Peter Guth
Veteran
 
Registriert seit: 20.11.1999
Beiträge: 323


Cool

Teil 9

Pilotentraining für Flightsimulator
Beherrschung von Störungen und Notfallsituationen

Grundsätzliches

Auch ein PC Pilot sollte Grundwissen über die Beherrschung der Verkehrsflugzeugen haben, zumal die moderne Software auch leichte und schwere technische Störungen simulieren kann. Deshalb ist es wichtig, die Problemlösungen einmal näher zu beschreiben. Es geht hier jedoch, wie immer beim Pilotentraining, um die Prozeduren speziell für den Flugsimulator, aber sehr wohl in direkter Anlehnung an die Realität.


AUSFALL ALLER TRIEBWERKE / engine failure procedure


Für den unwahrscheinlichen Fall, dass beide Triebwerke beim Flug ausfallen sollten (das kann im FS auch dann passieren, wenn die Simulatoreinstellung "höchste Zuverlässigkeit" gewählt wird), gelten folgende Prozeduren:

"keep the aircraft flying"

Ruhe bewahren, es bleibt erstaunlich viel Zeit, um zu reagieren. Was passiert jetzt? Zunächst hält die Maschine noch ihre Flughöhe, wird aber zunehmend und rasch an Fahrt verlieren, wenn kein Vortrieb mehr vorhanden ist.

Sobald die Airspeed Werte zwischen 190 - 200 kts erreicht, muss der Pilot unabdingbar sicherstellen, dass diese Werte nicht weiter unterschritten werden. Also ist jetzt auf jeden Fall (!) ein Sinkflug einzuleiten und zwar mit einer Sinkrate, welcher diese notwendige Geschwindigkeit sicherstellt. Die Sinkrate sollte nicht unnötig größer sein, so dass sich Werte zwischen 1200 - 1500 ft/min ergeben.

Angesichts einer angenommenen Flughöhe bei Triebwerksausfall von 30000 ft kann das Flugzeug somit noch etwa 20 Minuten (!) flugstabil zu Boden "segeln". Bei einer Airspeed von dann 200 kts legt die Maschine immerhin noch 60 - 70 NM zurück. Folglich muss eine Landemöglichkeit innerhalb dieses Radius gefunden werden.

Zunächst muß aber bis dahin die Flugsicherheit hergestellt werden.. Dazu geht man folgender Maßen vor (ohne Betrachtung des Sprechfunkverkehrs, der ja im Simulator entfällt):

1. Autopilot nicht (!) abschalten, aber Autothrottle deaktivieren

2. Cabin Signs on

3. APU starten (soweit vorhanden), AC Bus aktivieren

4. Tankinhalt/Treibstoffpumpen prüfen

5. Aircondition ausschalten (soweit vorhanden)

6. Startversuch der Triebwerke vornehmen. Wenn erfolgreich, Anflug zum nächsten Airport....

WENN TRIEBWERKSTART OHNE ERFOLG BLEIBT

7. Höhe kontrollieren und insbesondere nun die Airspeed beobachten, darf 180kts nicht unterschreiten

8. zur Aufrechterhaltung dieser Geschwindigkeit Sinkflug mit dafür notwendiger Sinkrate einleiten, Autopilot auf Sinkflug setzen, Sinkrate anfangs 1200 ft/min, dann ggf. anpassen bzw. erhöhen.

9. Ausweichflugfeld für Notlandung suchen, Kartenmaterial dafür bereithalten, Suchradius ergibt sich aus der noch verbleibenden möglichen "Segelflugeit": nämlich Höhenunterschied zwischen der momentanen Flughöhe und dem Boden, geteilt durch die momentane Sinkrate = Restflugzeit in Minuten, bzw. errechenbarer Flugstrecke....

10. Triebwerk-Treibstoffpumpen abschalten, nur APU Pumpe bleibt an (soweit vorhanden)

11. Luftwiderstand des Flugzeuges möglichst gering halten, also zunächst keine (!) Flaps setzen

12. Anflugkurs / Heading zur Landestelle im AP setzen. Kürzeste Strecke wählen, keine STAR Route

13. Airspeed und dazu notwendige Sinkrate ständig kontrollieren, Maschine auf "Fahrt" halten

14. nur geringe bankangle fliegen, weil sich durch jeden Kurvenflug immer ein zusätzlicher Höhenverlust und eine Fahrtabnahme ergibt.

15. Airportbereich möglichst "hoch" anfliegen, da vor der Landung ja Fahrwerk und Flaps zu setzen sind und die Maschine somit dann stark abgebremst wird. Man muss also Höhenreserve haben, um im Endanflug die Sinkrate zuletzt noch einmal erhöhen zu können, um die Standard Landing Speed (unverändert 140 kts) halten zu können.

16. Flaps und Gear erst ganz kurz vor der Landung setzen/ausfahren und zwar mit erheblich kürzerem Zeitabstand, als beim Regelanflug.

17. bei kurzer Landebahn möglichst ganz am Anfang der Runway aufsetzen, da ja kein Reverser vorhanden ist und sich der Bremsweg verlängert.


AUSSENLANDUNG

Ist kein adäquater Airport infolge der Berechnung (Pkt. 9) mehr erreichbar, so muß eine breite Strasse im Flugsimulator zur Aussenlandung reichen, was selbstverständlich möglich ist.

Dafür ist aber im Menue Realitätseinstellungen/Schäden "Landungen außerhalb von Flughäfen" deaktivieren, weil es sonst automatisch einen Crash gibt.


NOTWASSERUNG

Im äußersten Notfall ist eine Aussenlandung (ohne Airport oder Strassen) eigentlich nur lebensrettend mit einem Verkehrsflugzeug im FS System auf Gewässern möglich. Um auf einem See oder auf dem Meer möglichst realistisch zu landen, wird die Anflugrichtung parallel zu Wellenbergen gewählt.

Also mit einem Kurs rechtwinklig zur Windrichtung. Fahrwerk nicht (!) ausfahren.

Im Final dann mit minimaler Sinkrate "aufsetzen", um die vertikalen Kräfte möglichst gering zu halten.


Wissenswertes zur realen Notlandung:

Ein Flugzeug, das sich in einer Notsituation befindet (ATC Notruf: 3 mal "mayday") hat in seinem Luftraum absolute Priorität. Bei der Auswahl einer Landestelle werden die Piloten durch die Radarleitstellen mit Anflugvektoren und Höheninformationen per Sprechfunk zum Airport geleitet.

Im Falle von schwerwiegenden Störungen bei einem Flug gibt es airlineabhängige Durchsagecodes an die Cabine Crew. Typischer Fall: "Purser bitte im Flightdeck melden", dann wissen die Flugbegleiter, dass etwas schwer faul ist...

Bekannter weise müssen die Passagiere zur Notlandung eine bewährte Sicherheitshaltung auf den Sitzen einnehmen (Schuhe, Brillen, Gebisse.. entfernen, Kissen auf Oberschenkel und, mit vor dem Oberkörper gekreuzten Armen, weit nach vorne beugen.

Unmittelbar vor der Notlandung erfolgt dazu von der Cabinenbesatzung die Lautsprecherdurchsage "brace, brace, brace". Nach der Landung und dem Stillstand des Flugzeuges erfolgt die sofortige Evakuierung der Passagiere. Hierzu werden sämtliche Türen geöffnet, wobei sich die dort befindlichen luftgefüllten Notrutschen ausfahren und zu Boden gehen, über die man mit verschränkten Armen, Füße ohne Schuhwerk, nach unten rutscht. Dabei verläßt (theoretisch) die Cabincrew zuletzt das Flugzeug.

Die Piloten haben die Möglichkeit, über getrennte Notausstiege das Flight Deck zu verlassen. Entweder über eine Dachluke mittels Kletterseil, oder auch (Typenabhängig) über eine Bodenluke durch den vorderen Fahrwerksschacht. Im äußersten Fall durch die Seitenfenster...


NOTSINKFLUG / Emergency Descent


Oberhalb von 4000 Metern, (ca. 12000ft) Flughöhe nimmt der normal atembare Sauerstoffgehalt der Aussenluft dramatisch ab. Deshalb besitzen Verkehrsflugzeuge eine Druckkabine, in der eine Sauerstoffdichte von ungefähr 3000 Meter Höhe künstlich erzeugt und automatisch gesteuert wird.

Im Falle eines Druckverlustes (z.B. defektes Fenster) entweicht die atembare Luft mit extrem hohen Strömungsgeschwindigkeiten aus der Leckage. Der Druckausgleich entsteht durch den Unterdruck außerhalb der Kabine.

Solch eine Decompression der Flugzeugcabine löst im Cockpit einen "Großalarm" aus, wobei gleichzeitig automatisch der Sauerstoff-Notversorgung der Cabine arbeitet, indem Atemmasken freigesetzt werden.

Jetzt heißt es für die Piloten sofort zu handeln. Der PIC übernimmt das Flugzeug (falls er bis dahin PNF war) und ruft "I have controlle". Beide Piloten müssen sofort die Sauertstoffmasken anlegen, da bei einem Druckabfall in großen Flughöhen zum Teil nur Sekunden verbleiben, bis eine tiefe Bewußtlosigkeit eintritt (TUC Time, z.B. bei FL390 nur 5 Sekunden!!!!)

Dann werden die Achtpunktgurte festgeschnallt und der sofortige Notsinkflug eingeleitet. Das bedeutet, die Maschine ist mit größtmöglicher Sinkrate (aber keinem negativ G) mit bis zu 6500 ft/Min auf eine Flughöhe unterhalb von 12000 ft zu bringen.

Während der FO "Mayday" meldet und kontrolliert, ob in der Cabine die automatische Sauerstoffversorgung (Masken) ausgelöst wurden - man kann sie im Cockpit auch manuell auslösen- führt der PIC folgende Proceduren durch:

1. Autopilot bleibt an, aber HDG/NAV Modus wird abgeschaltet

2. Höhenwähler im AP auf -6000ft/min setzen

3. Autothrottle auf 250 kts zurückstellen

4. Flugzeug nach links aus der Luftstraße wegkurven, um anderen Airtraffic durch den extremen Sinkflug nicht zu gefährden

5. Während die Maschine nun mittels AP (ALT) an Höhe verliert und das Autothrottle System die Triebwerke auf Leerlauf reduziert, beobachtet man die Speedanzeige

Die Airspeed wird rasch zunehmen ("Sturzflug") Sie darf aber auf keinen Fall die maximale Manöverspeed überschreiten, nämlich dem Wert, bei der das Flugzeug noch steuerbar bleibt und keine Schäden an Ruderanlagen entstehen können.

Wird die Grenzgeschwindigkeit erreicht, müssen die Speedbrakes, notfalls auch das Fahrwerk ausgefahren werden, um bei gleichbleibend hoher Sinkrate das Tempo abzubremsen.

Bei erreichen von 12000 ft kann auch wieder "normal" geatmet werden, sodass nun, nach umfangreichen Systemchecks, der nächstgelegenen Airport angeflogen wird.

Ich stelle interessierten PC Piloten gerne entsprechende Checklisten (emergency descent/enginefailure) zur Verfügung.

Gruss Peter Guth


Nächste Folge: Treibstoffmangel, Ausfall der Navigationsinstrumente
Peter Guth ist offline   Mit Zitat antworten
 


Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)
 

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.

Gehe zu


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 02:28 Uhr.


Powered by vBulletin® Copyright ©2000 - 2026, Jelsoft Enterprises Ltd.
Forum SEO by Zoints
© 2009 FSL Verlag