Internet keine Kulturtechnik aber "epochal"
Veröffentlicht am: 29.03.2007 12:53:57

Schlechte Nachrichten für technikliebende Schüler: Internetsurfen wird auch künftig dem mühsamen Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen nicht gleich gestellt sein.

Das befand zumindest eine Expertenrunde mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn (V), dem Vorstandschef des RTL-Konzerns, Ex-ORF-Generaldirektor Gerhard Zeiler, und dem Philosophen Konrad Paul Liessmann bei einer Diskussion. Denn dass das Internet die "vierte Kulturtechnik" (so das Diskussionsthema) sein könnte, wurde einhellig abgelehnt. Umso kritischer wurden die Umwälzungen durch diese "epochale Entwicklung" (Hahn) hinterfragt.

Die Meinungen über die Verdienste des Internet blieben bei dem von den Internet Service Providers Austria (ISPA) veranstalteten Philosophicum geteilt - tendenziell jedoch eher kritisch. Während Zeiler eine "Demokratisierung der Wissensgesellschaft" und mehr Chancen für Künstler sah, bezweifelte Hahn, ob das Internet einen "wesentlichen Beitrag" zu dieser Demokratisierung leiste und warnte vor einer Überbewertung der Partikular-Interessen: "Das große gemeinsame Ganze geht verloren".

Regisseur Virgil Widrich beklagte die "Reduktion", die damit einhergeht, "den ganzen Tag in ein Rechteck zu schauen, das vorgibt, die Welt zu sein". Es sei "von Vorteil, spät den Umgang mit dem Internet zu lernen, weil man zuerst denken lernen" sollte, so Widrich. Der Regisseur meinte, dass es zwar mehr Vertriebswege für Filmschaffende gebe, die den direkten Kontakt mit dem Publikum ermöglichen. Nur wenige davon seien jedoch "wirtschaftlich relevant", die wichtigen Vertriebe sind "immer noch in den Händen von einigen Konzernen". Der "bewusst kulturoptimistische" Zeiler hielt den kritischen Stimmen entgegen, dass das Internet ein Schritt in Richtung "Kultur für alle" sei. Es gebe jedoch "kein Recht auf Erfolg".

Das Internet stelle keine Kulturtechnik wie Lesen und Schreiben dar, sondern sei eine Kombination verschiedener Kulturtechniken, sagte Liessmann. Insbesondere das Schreiben erfahre jedoch durch den Gebrauch des Computers eine Umwertung: Mit der Hand schreiben zu lernen könnte zunehmend an Bedeutung verlieren. "Ich kann schreiben, aber nicht mehr mit der Hand schreiben", bekannte Liessmann, dass man eine "Handschrift auch verlernen kann". Auch das Lesen habe sich verändert, es sei "diagonaler und flüchtiger geworden". Liessmann kann auch der viel beschworenen Produktion von Inhalten durch die User etwa bei den "Blogs" nichts abgewinnen: Diese seien "Bassena-Tratsch auf weltweites Niveau gehoben", so Liessmann. "Warum soll ich das lesen?"

Web drückt Niveau wissenschaftlicher Arbeiten

"Das Internet erzeugt eine Illusion von Verfügbarkeit" von Wissen, betonte der ehemalige Kunstminister Rudolf Scholten, der das immer zugängliche, aber ungleich weniger genutzte Informationsangebot im WWW damit verglich, in der British Library zu übernachten. Denn das hieße noch nicht, dass das dort verfügbare Wissen auch erworben wurde. Kritisiert wurden das "Copy & Paste"-Prinzip in Wissenschaft, aber auch in der Kunstproduktion, und der Mangel an Selektions-Maßstäben: "Es fordert moralische Stärke, den ins Internet gestellten Selbstmord nicht anzuschauen", bezog sich Liessmann auf eine aktuelle Meldung.

Dass der Umgang mit dem Internet jedenfalls kein eigenes Unterrichtsfach sein soll, darüber waren sich die Diskutanten einig. "Da muss man erstmal den Lehrer finden, der das besser kann als die Kinder", sagte Scholten.

Irgendwann müsse, so Liessmann, sich doch das nunmehr im Internet leichter verfügbare Wissen dadurch bemerkbar machen, dass sich das Niveau aller hebe. Jedoch würden wissenschaftliche Techniken wie das korrekte Zitat durch die Veränderlichkeit des WWW "ausgehebelt" und "Seminararbeiten immer schlechter". Auch müsste es durch die Möglichkeit, vorab zu einem Thema im Internet zu recherchieren, "nur noch brillante Podiumsdiskussionen geben", resümierte Liessmann die Veranstaltung. "Aber eine Podiumsdiskussion vor 20 Jahren hat genauso ausgeschaut."

(apa)


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