|
Lady of the Rings
Registriert seit: 21.03.2003
Beiträge: 857
|
Die Wurzeln der Matrix
Die Welt der „Matrix“ besteht unter ihrer prallen Actionoberfläche aus einem ganzen Netzwerk religiöser und mythischer Bezüge. Man muss schon ein gelernter Schlauberger sein, um sie alle zu verstehen. Oder folgendem Dialog beiwohnen, der ihnen die Augen für die wahren Hintergründe der Cybersaga öffnet.
Was soll eigentlich dieser ganze Hype um „Matrix“ als philosophisches Meisterwerk? Ich fand ihn einen genialen Actionfilm mit 1a-Spezialeffekten.
War er auch. Aber nicht nur. Wer bloß die Kung-Fu-Kunststückchen bewundert, verpasst die Hälfte. Bereit für das kleine Matrix-Philosophie-Seminar?
Wenn’s sein muss.
Okay. Die Grundprämisse von „Matrix“, dass die so genannte Realität gar nicht real ist, sondern ein Computerprogramm, das in unsere Hirne eingespeist wird und uns das Leben nur vorgaukelt, verweist auf eine der Grundfragen der Philosophie, genauer: der Erkenntnistheorie. Woher weiß ich, dass die Welt existiert und nicht nur eine Fantasiegeburt meines Gehirns ist?
Irgendein Philosoph wird doch wohl den Beweis gefunden haben, dass die Welt existiert.
Eben nicht. Es ist bis heute nur eine Annahme, auf die sich alle geeinigt haben. Im Gegenteil: Fast alle Philosophen beschäftigen sich mehr oder weniger ausführlich mit dem Gedanken, dass die Wirklichkeit bloß eine Illusion ist. Das beginnt mit dem Höhlengleichnis des griechischen Philosophen Platon (in dem gefesselte Menschen in einer Höhle die Schatten, die sie sehen, für ihre Wirklichkeit halten – bis eine Neo-ähnliche Figur, von Plato „der Philosoph“ genannt, sich befreit und das Licht sieht). Und reicht bis zum Franzosen Descartes der in seinem „Meditationen“ überlegt, ob ein böser Dämon uns in einer Traumwelt gefangen hält und unsere Wahrnehmungen und Gedanken steuert.
Ein Albtraum.
So ist es. Wie schon der Psychoanalytiker Sigmund Freud sagte: „Wir träumen, damit wir nicht aufwachen müssen.“ Tatsächlich ist der Film wie ein Traum konstruiert, mit klassischen Traumbildern: Angst vor Höhe, Überwindung der Schwerkraft, symbolische Figuren. Er beginnt nicht zufällig mit der Aufforderung „Wach auf, Neo“. Und einmal fragt Morpheus: „Hattest du mal einen Traum, der völlig real schien? Was wäre, wenn du aus diesem Traum niemals aufwachen würdest? Woher würdest du wissen, was Traum ist und was Realität? Neos Schlaflosigkeit zu beginn steht für seine Ahnung, dass mit dieser Welt etwas nicht stimmt.
Da gibt es doch noch dieses philosophische Buch im Film, auch gleich zu Beginn.
Richtig. Jean Baudrillards „Simulera and Simulation“, ein Schlüsselwerk der postmodernen Denkens. Baudrillard führt darin aus, dass die westliche Welt die Simulation gegenüber der Realität bevorzugt und eine derartige Masse an Simulakren – Abbildungen der Realität – hervorbringt, dass es kaum mehr Spuren von Wirklichkeit gibt. Durch die Medien hätten die Menschen verlernt, zwischen Sein und Schein zu unterscheiden. Im ersten Drehbuchentwurf sagt Morpheus zu Neo: „Du hast in Baudrillards Vision gelebt: in der Landkarte, nicht in der Landschaft.“ Im Film ist das Buch, in dem Neo seine raubkopierte Software versteckt, übrigens viel dicker als in Wirklichkeit, wo es nur 160 Seiten hat. Was immer das bedeutet.
Will ich gar nicht wissen.
Schöne Überleitung zum nächsten Komplex: Moral. Vor die Wahl gestellt die rote oder die blaue Pille zu wählen, also zwischen dem roten Apfel der Erkenntnis oder dem blauäugig naiven Nichts-wissen-Wollen...
... jetzt drehst du durch.
Passiert schon mal bei „Matrix“. Aber um Morpheus zu zitieren: „Denke nicht in Kategorien wie richtig oder falsch.“ Also noch mal: In „Matrix“ wird Wissen mit Freiheit gleichgestellt, mit dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“
Immanuel Kant, der Königsberger Philosoph.
Sehr gut. Und Nicht-wissen-wollen wird nicht zufällig mit der moralisch fragwürdigen Figur, Cypher, in Verbindung gebracht.
Du hast vorhin von „symbolischen Figuren“ gesprochen. Wieso? Alle Akteure in „Matrix“ haben Namen, die auf ihre Funktion hindeuten. Neo, griechisch für „neu“ ist ein Anagramm für „The One“, die Messias-Figur, die zweite Wiederkehr Christus’. Gleich zu Beginn des Filmes sagt ein Typ, dem er eine Raubkopie besorgt hat, zu ihm: „Jesus Christus, du bist meine Rettung!“ Neos bürgerlicher Name, Thomas Anderson, ist auch interessant: Der ungläubige Thomas (in der altchristlichen Mythologie übrigens der Zwillingsbruder von Jesus), der seine Bestimmung als Erlöser nicht wahrhaben will, und andras (griechisch für Mann) plus Sohn = Menschensohn – ebenfalls eine Umschreibung für Jesus. Man beachte auch Neos Auferstehung von den Toten und seine Himmelfahrt als Schlussbild. Übrigens startete der Film in Amerika am Osterwochenende.
____________________________________
Wenn es nicht wichtig ist zu siegen, warum zählen wir dann die Punkte?
|