Also, Peterle und Gerald,
hatte eine Antwort schon vor gut zwölf Stunden in Arbeit und bin dann unsicher geworden ob ich nicht Unsinn schreiben würde und bin deswegen erst mal zum Dienst gefahren.
Ein Kreisel driftet nämlich aus mindestens zwei Gründen: Erstens: weil er nicht ganz reibungsfrei gelagert ist, und zweitens: weil seine Achse raumstabil ist (deswegen wird er ja benutzt) und sich die Erde unter ihm hinwegdreht! Wenn ich mich recht erinnere, nennt man dies auch die scheinbare Drift. Hierfür kann man dem Gyro natürlich keine Schuld geben.
Aber richtig gestolpert bin ich bei der Frage, ob der Autopilot deswegen im Heading Hold Modus eine Kurve fliegt. Ich glaube nicht! Fliegt man über der Erdoberfläche immer genau geradeaus, entsprechend einer gleichbleibenden Kurskreiselanzeige, so ändert sich trotzdem das Heading. Das Heading ist ja nur der Winkel zwischen Flugzeuglängsachse und dem Längengrad der gerade überflogen wird. Weil die Längengrade aber nicht parallel verlaufen, sondern zu den Polen hin zusammenlaufen, ändert sich auch der Schnittwinkel zwischen Flugzeuglängsachse und dem jeweiligen Längengrad. D.h. obwohl man genau geradeaus geflogen ist, hat man permanent sein Heading geändert. Zwei Ausnahmen: man fliegt genau auf Nord- bzw. Südkurs bzw. genau dem Äquator entlang auf West- bzw. Ostkurs.
Anders herum: Man fliegt im Heading Hold Modus keine Kurve, aber man fliegt ständig ein anderes Heading. Wenn das nicht verwirrend ist. Zum navigieren ist also ein Kurskreisel nur bedingt zu gebrauchen.
Auch wenns jetzt etwas länger wird, hier noch ein kleines Anekdötchen: Auf meinem ATPL-Prüfungsflug, das sog. Airwork (Stalls in verschiedenen Konfigurationen, Steilkurven usw.) war gerade beendet, sollte ich die Navigation zum Zielflugplatz wieder aufnehmen. Der Kurskreisel war durch die vorangegangenen Manöver und wegen der vergangenen Zeit natürlich ganz schön "weggelaufen" (was ich aber im Eifer des Gefechts ausser Acht gelassen hatte). Ich suchte ganz verzweifelt nach eindeutigen Landschaftsmerkmalen um mich wieder zu orientieren, aber nichts paßte so richtig mit der Landkarte überein. Der (nette) Prüfer gab mir den Tipp, daß der Kreiselkompaß ja jetzt weggelaufen sein könnte. In der Freude über die Lösung des Problems drehte ich an dem vermeintlichen Einstellknopf und versuchte meine Navigationskünste erneut. Leider erneut ohne Erfolg. Nach einer Standortbestimmung mit VOR/DME kam dann der erlösende Hinweis des (wirklich netten) Prüfers: "Bis jetzt haben Sie ja auch nur am Heading Bug gedreht!"
Das war eine meiner lehrreichsten "Nummern"! Erstens: nicht aufgeben oder sich wegen eines Fehlers mit Selbstvorwürfen überhäufen und dabei das Fliegen vernachlässigen - sondern so gut es irgendwie geht weiterfliegen und sich auch darauf konzentrieren. Zweitens: Bei allem was man anfaßt im Flugzeug sich selbst auf die Finger schauen.
Happy landings!
HP
[Diese Nachricht wurde von hpfranzen am 12-09-2000 editiert.]
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