Hallo Leute,
wenn man diesen Beitrag vom Peter liest, dann findet man etliche vernünftige Gründe, um vom Berufsziel Flugkapitän die Finger zu lassen. Aber mit diesen Fragen beschäftigen sich die jungen, flugbegeisterten Jungs wohl kaum, und sie bemerken erst viel später, worauf sie sich eingelassen haben.
Ich war mal als Zeuge zu einer Gerichtsverhandlung geladen. Zwei Segelflugzeuge waren in Platznähe zusammen gestoßen, ein Doppelsitzer mit einem Fluglehrer und seinem Schüler, und ein Einsitzer. Der Pilot des Einsitzers hat den Unfall nicht überlebt, der Fluglehrer konnte den Doppelsitzer trotz der Schäden noch landen.
Der Pilot des Einsitzers hatte Wegerecht, also wurde der Fluglehrer wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.
Nun muss man wissen, dass man vom hinteren Sitz eines Doppelsitzers nur sehr schlecht sehen kann. Die Plexiglashaube verzerrt und nach vorne versperrt der Schüler die Sicht. Der Schüler bemerkt auch nichts, denn er ist noch mit einer sorgfältigen Lauftraumbeobachtung überfordert und weiß manchmal auch gar nicht, wie man aus einem Segelflugzeug vorausschauend richtig rausguckt. Wenn noch dazu die Sonne auf die Haube scheint, ist der Fluglehrer fast blind. Also, als halbwegs erfahrener Segelflieger macht man um Doppelsitzer besser einen großen Bogen. Und überhaupt, kein vernünftiger Pilot pocht auf sein Wegerecht.
Bei dem Prozess war ich schon sehr beeindruckt, mit welcher Selbstsicherheit Juristen, die auch schon mal ein Flugzeug gesehen haben, über die Schuld des Fluglehrers befunden haben. Und wie schnell das ging: Innerhalb weniger Stunden wussten sie, was er besser hätte tun sollen.
Außerdem habe ich damals nicht erkannt, worin der Sachverstand des Sachverständigen bestand, aber das kann natürlich auch an meinem eigenen Sachverstand gelegen haben.
Eigentlich liegt der Fehler schon in der Luftverkehrs-Zulassungs-Ordnung. Flugzeuge, aus denen der Fluglehrer nicht ordentlich sehen kann, dürften gar nicht für den Schulungsbetrieb zugelassen werden. Aber solche Fragen haben natürlich keine Rolle gespielt.
Mir sind jedenfalls erhebliche Zweifel geblieben, ob Gerichte überhaupt befähigt und auch willens sind, die Tätigkeit eines Piloten, der in einem komplexen Mensch-Maschine-Vorschriften -System eingebunden ist, wirklich ausgewogen und auch menschengerecht zu beurteilen. Dann müsste sich das Gericht nämlich stets fragen, ob der Pilot mit seinen menschlichen Fähigkeiten und seiner Ausbildung überhaupt in der Lage war, eine Situation noch zu bereinigen, die er oft selbst gar nicht verursacht hat.
Nach einem Unfall muss in unserem Gesellschaftssystem unbedingt jemand gefunden werden, dem man die Schuld zuweisen und bestrafen kann, um den Rechtsfrieden zu erhalten und auch aus versicherungstechnischen Gründen. Von allen mittelbar und unmittelbar Beteiligten ist der verantwortliche Flugzeugführer derjenige, der am schlechtesten Schuldzuweisungen abwehren kann. Das macht auch Sinn, denn so hat man wenigsten immer einen Schuldigen und man braucht am System nichts zu ändern.
Konsequent weiter gedacht, wird der Flugkapitän nicht nur dafür bezahlt, dass er das Flugzeug sichern zum Ziel fliegt, sondern auch dafür, dass er ggf. die Sündenbockrolle übernimmt.
Und ein Hobby-Fluglehrer sollte schon darüber nachdenken, ob er es gegenüber sich und seiner Familie überhaupt verantworten kann, wegen einer schönen Freizeitbeschäftigung ein hohes strafrechtliches Risiko einzugehen, von den emotionalen Belastungen mal abgesehen.
Gruß
Hans
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