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Alt 24.03.2000, 22:58   #3
Peter Guth
Veteran
 
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Beiträge: 323


Rotes Gesicht

Lieber Heinz,

zunächst muss gesagt werden, das alle Mutmaßungen und Theorien über die tatsächliche Absturzursache heiße Luft sind. Erst der Abschlussbericht einer Flugunfall-Untersuchungsstellen kann möglicher Weise näheren Aufschluss geben. Aber das dauert i.d.R. mindestens 18 Monate.
Natürlich sind allen Aussenstehenden Überlegungen dazu erlaubt, nur, ohne jegliche Hintergrundinfos bringt das nichts.

Trotzdem ist Deine Frage natürlich berechtigt. Der Flugkapitän (pilot in command-PIC)ist und bleibt für sämtliche Flugmanöver und die Flugsicherheit der Maschine grundsätzlich eigenverantwortlich.
Er hat auch eine laufende, wirksame Kontrolle über alle Handlings des First Officer aus zu üben und er kann (muss) jederzeit die Maschine übernehmen ("I have controlle"), wenn Zweifel über dessen fliegerische Fähigkeiten bestehen (z.B. Augenblickversagen)

Kann er -bzw die Crew- vorgegeben ATC Anweisungen aller Art nicht sofort erfüllen, so muß an den Flug-Lotsen sofort (!) eine dementsprechende Meldung abgesetzt werden.

Falls ATC eine von dir genannte Anweisung zur Flugrichtungsänderung vorgegeben hat, dann ist das für einen Piloten nicht anderes, als das einhalten einer SID Procedure, nämlich "Stangenware", einfachste Flugaufgabe. Da spielt auch das parallel laufende Handling beim Steigflug keine Rolle, so etwas muß ein Pilot nebenbei erledigen können, ohne mit den Rädern nach oben in der Wiese zu liegen...

Es muss m.E. eine wesentlich tiefgründigere Ursache für den Absturz gegeben haben, das Flugmanöver dürfte nicht die Ursache gewesen sein. So etwas macht man mit links.

Die Fluglotsen können bei jedem Flugunfall mit haftbar gemacht werden, aber nur dann, wenn der PIC eine fehlerhafte, unsinnige oder nicht durchführbare Flugvorgabe hätte erkennen können. Dazu wird auch das Equipment an Bord berücksichtigt.

Simples Beispiel: ATC meldet "clear area" und Freigabe zum Richtungs- oder Höhenwechsel. Gleichzeitig meldet das bordeigene TCAS Kollisionsgefahr. In dem Fall hat der Pilot sofort geeignete Maßnahmen zur Unfallverhütung durchzuführen und ATC über die Situation zu informieren.

Kommt es zum Flugunfall, so haftet hier primär der PIC -in Sippenhaft mit dem FO-, sofern er (Beweisumkehr!) nicht das Gegenteil nachweisen kann. Erst wenn dem PIC nicht klar ein Fehler zugewiesen werden kann, geht es den Fluglotsen u.U. auch an den Kragen.

Es hat elementares menschliches Fehlversagen beim ATC gegeben, mit dem Ergebnis, dass der Pilot "nur" eine Schuld von 75% bekam, der Fluglotse für die restlichen 25% (offensichtlich das zuweisbare Maximum) 18 Monate auf Bewährung.

Er hatte eine Startfreigabe erteilt, obwohl eine andere Maschine im Final war. Die Crew konnte nicht beweisen (wie auch), das sie die geforderter Luftraumbeobachtung vor dem Line Up durchgeführt hatte.

Ergebnis für die Crew: Haftstrafen (ohne Bewährung)infolge mehrerer Schwerstverletzer und zwei Flugzeugtotalschäden, selbstverständlich Lizenzentzug. Beide Jungs arbeiten heute in den USA als Taxiahrer.

Aber es kommt noch schlimmer. Auch die Piloten der landenden Maschine waren dran. Man warf ihnen nach monatelangen theoretischer Recherchen vor, der Unfall ware durch Abbruch des Landeverfahrens vermeidbar gewesen.

In einer sarkastischen Zeitungskolumne entschuldigten sich die jetzt arbeitslosen Piloten dafür, dass ATC eine völlig falsche
Freigabefolge für Landung bzw. Take Off gegeben hatte.

Fazit: die Piloten sind immer die Dummen. Sie müssen bei Problemen oder plötzlichen Situationsänderungen u.U. in sekundenschnelle elementare Entscheidungen treffen. War die Entscheidung richtig, so ist man ein Held, falls nicht,so ist man grundsätzlich den Job los. Und liegt in der Holzkiste....

Gruss Peter Guth
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