Teil 2
ISTOE: Wie sind Sie auf die Existenz des "System" überhaupt draufgekommen?
WERNER RYDL: Ich beobachtete den privaten Lebenswandel gewisser Altherren
aus dem Finanzministerium. Besonders auffällig waren z.B. die häufigen
Treffen eines Supermarktketten-Besitzers in Österreich beim Heurigen oder
in burgenländischen Weinkellern. Jedenfalls gingen die Geschäfte der
Supermarktkette mehr schlecht als Recht, bis man den Mann auf die Idee
brachte zu "exportieren". Danach begann ein atemberaubender Aufstieg des
Unternehmens, der in wenigen Jahren mit einem vorschnellen Privatverkauf
der ganzen Supermarktkette um 15 Milliarden Schilling endete. Durch den
jahrelangen Alkoholkonsum des Mannes war es gar nicht so einfach das
durchzuziehen. Jedenfalls wurde ihm eingetrichtert, dass er den
Verkaufsvertrag nur dann unterschreiben darf, wenn ihm seine Bank
bestätigt, dass der Verkaufspreis auch wirklich schon auf seinem Konto ist.
Die Käufer hatten sich damals nicht schlecht darüber gewundert. Zwei Jahre
vorher wurde noch extra für diesen Mann ein neues Stiftungsgesetz im
Finanzministerium erfunden, in das er dann brav die 15 Milliarden
einbezahlte. Vorteil des Stiftungsgesetzes ist, dass dort niemand mehr
kontrollieren kann was mit dem Geld passiert. Heute sind in dieser Stiftung
nur noch maximal realistische 8 Milliarden drinnen und der Rest bei uns.
ISTOE: Unglaublich!
WERNER RYDL: Weniger auffällig war da schon die enge Verbindung zwischen
einem Besitzer einer Baustoffmarktkette und den Finanzgranden aus dem
Ministerium. Auch dort stellte sich erst ein nennenswerter Erfolg ein als
man zu "exportieren" begann. Heute hat er eine private Kunstgemäldesammlung
im Milliardenwert, denn Geld alleine macht uns ja nicht glücklich.
ISTOE: Und wie sind Sie in das "System" als Außenseiter hineingekommen?
WERNER RYDL: Naja, anzeigen konnte ich es nicht, weil es sinnlos ist, das
"perfekte Verbrechen" anzuzeigen. Aber wenn ich das gleiche mache wie die
im Finanzministerium, dann muss es ja mal auffallen. Dachte ich.
ISTOE: Und?
WERNER RYDL: Bis heute ist Nichts aufgefallen. Die erste Welle meiner
Exportgeschäfte im Jahr 1993 konnten die normalen Finanzbeamten nicht
stoppen, und im Zuge der weiteren Geschäftsausweitung erschien es den
Beamten im Finanzministerium im Jahre 1995 schlussendlich sinnvoller, mich
in Ihre Sondergeschäfte einzubeziehen gegen offizielle Einstellung meiner
bis dahin geführten Exportgeschäfte, um nicht zu riskieren, dass dieses
"System" eventuell durch Trittbrettfahrer zerstört wird.
ISTOE: Sind Sie vergleichbar mit einem PC Farias aus Österreich?
WERNER RYDL: Eigentlich ja. Was bis zum Tag der Verbrennung der
österreichischen Geldnoten zwischen mir und einigen Personen aus dem
österreichischen Finanzministerium bestand, war eine reine Zweck &
Nutzgemeinschaft, aber unsere moralischen Grundinteressen sind völlig
unterschiedlich. Die haben kein tatsächliches Interesse am
gesellschaftlichen Fortschritt. Österreich wird vermutlich in Zukunft das
erste Land in der europäischen Union sein, das seine Eigenstaatlichkeit
aufgeben wird müssen.
ISTOE: Und jetzt fliegt das alles in Österreich auf?
WERNER RYDL: Aber nein, denn die Position eines Sektionsleiters im
Ministerium ist wesentlich beständiger als die eines Finanzministers,
Kanzlers oder Staatspräsidenten in Österreich. In der österreichischen
Demokratie gibt es keine Gewaltentrennung. Da ist der Vater der
österreichischen Steuergesetzgebung zugleich oberstes administratives Organ
der Finanzbehörde. Bitte - was soll da passieren können? Man kann sich
dabei ja nur höchstens selbst kontrollieren!
ISTOE: Staatspräsident und Kanzler stehen doch über einem Sektionschef aus
dem Finanzministerium?
WERNER RYDL: In Österreich sind Staatspräsident und Kanzler keine
honorigen Bürger mehr, die höhere moralische und ethische Grundsätze
vertreten können, sondern langjährig gediente Berufsbeamte, die mit ihren
privaten Problemstellungen bereits hoffnungslos überfordert sind. In diesem
Zustand kann denen nichts auffallen und sind auch in das "System" nicht
eingeweiht. Die erste Handlung des aktuellen Staatspräsidenten nach der
Vereidigung war, dass er sich von seiner langjährigen Frau scheiden ließ,
um seine Sekretärin zu heiraten. Der aktuelle Kanzler hat nur erfolgreiche
Erfahrung mit dem zweitältesten Gewerbe dieser Welt, der Waffenschieberei,
und ist seit zwei Jahren bemüht, den Österreichern den größten Waffenkauf
dieser Republik aufzuschwatzen, wobei er dem Volk erklärt, dass es in einer
Demokratie rechtlich nicht möglich ist, darüber eine Volksabstimmung zu
führen. Die Bankkonten in der Karibik für die "Schieberhonorare", mit denen
der Machterhalt der Partei nach den nächsten Wahlen sichergestellt werden
soll, gibt es schon seit 18 Monaten.
ISTOE: Unglaublich nahezu! Österreich gilt als Teil der ersten Welt.
WERNER RYDL: Das nur, weil niemand etwas genaueres in Brasilien über die
Heimat Hitlers weiß. Zum Beispiel die Steuerberater wissen vom "System",
aber die stehen voll hinter der Finanzbehörde die es ja nur einmal gibt.
Klienten können die sich wählen wie Sand am Meer. Ein Steuerberater der
hier auch nur eine Andeutung macht gegen die Richtung des "Systems" gleicht
wirtschaftlich einem Selbstmörder. Aber die österreichischen Steuerberater
haben bereits mit dem System gut zum Leben gelernt, österreichische Notare
verdienen heute zum Beispiel nur einen Bruchteil dessen was ein
Steuerberater verdient.
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