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Alt 01.01.2002, 16:00   #4
Marc
Inventar
 
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Standard

Hallo Tamger,

also, ich gebe Dir in einigen Punkten wirklich sehr recht.

Es ist sehr schwierig zu beschreiben, aber der MSFS erzeugt in der Tat nur ein sehr schwaches Gefühl, wirklich „da oben in der Luft“ zu sein. Beim FS2000 war zum großen Teil die katastrophale Performance daran schuld. Nun, wo beim FS2002 die Performance wenigstens so ist, dass sie als flüssig bezeichnet werden kann, wird deutlich, dass die Flugeigenschaften lächerlich schlecht sind. Die Standardflieger erscheinen mir als mittlere Katastrophe. Jeder, der das als ernste Simulation ansieht, müsste auch Minesweeper als ernsthafte und realistische „Minensuchsimulation“ ansehen.
Der MSFS ist einfach keine ernste Simulation, sondern ein Spiel in Millionenauflage. Als Beispiel die eigentlich schon lächerliche Standard 737: Die Bremsen sind viel zu stark, die Triebwerke sind viel zu stark, und die gesamte Maschine fliegt wie auf Schienen. Ich habe oft den Eindruck, der von Microsoft anvisierte, typische MSFS-Kunde ist ein 14-Jähriger, der zu Weihnachten von der Oma den MSFS bekommt, und wo die Oma dann einige Zeit später am Abend im Kinderzimmer sich anschauen soll, wie der Junge eine Boeing durch die Lüfte fliegt. Klar, dass der Realismus dann so stark vereinfacht werden muss, dass der 14-Jährige das dann auch kann. Der fehlende Realismus darf aber wirklich nicht Microsoft vorgeworfen werden: Die Firma ist keinesfalls unfähig, sondern sie will ein Spiel erstellen, das millionenfach verkauft wird. Wirtschaftlich ist das geschickt und verständlich.
Nun zu sagen, der MSFS wäre nur ein Basisprodukt, und erst die Add-Ons bringen den packenden Realismus, stimmt so gar nicht. Das zeigt schon folgender Umstand: Warum hat der MSFS dann überhaupt Standardflieger dabei? Dieser Umstand ist doch schon ein Widerspruch zu dem Bild des nackten Basisprodukts. Die Wahrheit ist, dass die Mehrheit der MSFS-Kunden kein einziges Add-On sich kauft oder aus dem Netz lädt! Das, was Seiten wie AVSIM oder Simflight oder Magazine wie FlightXPress machen ist, dass wir eine kleine Minderheit der MSFS Benutzer ansprechen, die sich bemühen, aus dem Spiel eine ernsthafte Simulation werden zu lassen. Dass Problem ist aber auch gar nicht der fehlende Realismus – das Problem ist, wie die Simmer damit umgehen. Ich kann auch mit „Moorhuhn“ sehr viel Spaß haben, und das ist ganz unproblematisch. Nur, wenn ich mir selbst vorhalte, Moorhuhn sei ein realistischer „Schießsimulator“, dann bekomme ich irgendwann Probleme, denn dann wird mein gesamter Umgang mit dem Hobby unstimmig.
Und das ist in meinen Augen das große Problem der MSFS-Szene: Einerseits redet sich die Szene gerne ein, die Kenntnisse eines echten Pilotens zu haben – wie viele Simmer glauben heimlich, im Fall der berühmten Fischvergiftung der Crew „das Baby“ heil nach unten zu kriegen? Andererseits müssen nur einmal die Themen hier in den Foren aufmerksam beachtet werden: Wie das bei einem STAR mit IAF, FAF, OM, Gear Down, ILS-Anschneiden… funktioniert, weiß ein großer Teil nicht. Stattdessen wird sich aber darüber beschwert, dass die Dreamfleet 737 keine drehenden Räder hat oder die Reverser sich nicht bewegen.
Um auf Deine Frage zurück zu kommen: Der MSFS 2002 ist ganz sicher nicht der erhoffte Überflieger. Es ist ein Spiel, was jemanden Flugzeuge fliegen lässt. Viele Simmer sind nur nicht ehrlich genug, sich das einzugestehen. Viele Begleitumstände, die mit dem eigentlichen Fliegen nichts zu tun haben, sind häufig gut umgesetzt: Die Dreamfleet 737 sieht von außen phantastisch aus, auf Knopfdruck kommt sogar die Stewardess, und ich kann nach hinten in die Kabine schauen. Viele Simmer leiten aus diesen Begleitumständen in ganz unzulässiger Weise den Realismus ab: „Ich fühle mich wie in einem echten Flieger – also ist das Ding verdammt realistisch“. Das, was der MSFS 2002 jetzt neu bringt, ist, dass diese Begleitumstände immer besser werden: Was hat es mit einer Flugsimulation zu tun, dass sich Räder drehen, überall Bäume stehen und die Flugzeugrümpfe jetzt sogar reflektieren? Nichts. Aber die Leute lassen sich von diesen Spielereien leiten. „Ein klasse Simulator!“ Aber macht ihn das wirklich zum klasse Flugsimulator? Der MSFS ist nichtmals in der Lage, einen Turbolader vernünftig zu simulieren. Das heißt, ein auch nur etwas teureres und technisch höherwertiges Flugzeug kann der MSFS auch nach 15 Jahren in der neusten Version nicht realistisch simulieren. Als Flugsimulator kann er damit kaum ein Überflieger sein.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich mag den FS2002, und er ist sicher die beste Version, die es in seiner Geschichte jemals gab. Ich kenne den MSFS seit der Version 2, und wenn ich seine Konzeption nicht mögen würde, dann wäre ich sicher nicht seit Jahren in der Szene und sogar bei FlightXPress. Der MSFS2002 ist klasse, und Microsoft hat hier wirklich ganze Arbeit geleistet. Man muss nur ehrlich zu sich selbst sein, und die Augen nicht davor verschließen, wo der MSFS wirklich klasse ist, und wo nicht. Eine irgendwo böse, aber doch auch sehr gut treffende Beschreibung ist, dass der MSFS ein Screenshot-Simulator ist. Und in dieser Hinsicht ist er wirklich zu einem Überflieger in der neusten Version geworden.
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