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Alt 18.03.2006, 17:16   #2
schichtleiter
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Die Gottheiten machen inzwischen weiter. Der Schrank hat nicht nur Eigenschaften. Er enthält ja Gläser. Das bedeutet, dass er für den Prozess als eine mit bestimmten Eigenschaften versehene Anhäufung von Gläsern angesehen werden kann, die selbst Eigenschaften besitzen. Hier fangen die Gottheiten an, sich über die hierarchische Strukturierung der Objekte zu streiten. Und Sie können sich nicht vorstellen, wie es in aller Welt möglich ist, dass Sie jahrelang nicht bemerkt haben, dass der Küchenschrank manchmal eine Anhäufung von Gläsern ist. Mysteriös!

Gegen 1:00h haben sich die Gottheiten für eine bestimmte Objekt-Architektur entschieden. Jetzt kann es losgehen, denken Sie. Aber wo denken Sie hin? Wir haben Sie ja noch nicht modelliert. Nur ihre lapidaren Koordinaten haben wir und sonst nichts. Sie fragen, ist es nicht einfach, dies zu tun? Ich sehe gerne Filme mit Clint Eastwood - heute wollte ich "The outlaw Josie Wales" sehen, bis die Gottheiten kamen - trinke dabei gern einen Whisky, danach lese ich etw... Und da ertönt die mahnende Stimme der Gottheiten: Hören Sie auf! Sie mischen alles bunt durcheinander. Das ist ja ein Salat! Es geht hier nur darum, das Phänomen "Whisky-Holen" zu modellieren.

Kalter Schweiss rinnt auf Ihre Stirn. Wenn das alles nur zum "Whisky-Holen" notwendig ist … adieu, mein Wochenende! Die Gottheiten modellieren jetzt Sie höchstpersönlich. Ihre Eigenschaften werden ermittelt. Länge der Arme, Grösse der Hände, geschmackliche Vorlieben, usw. Wohlgemerkt nicht etwa die konkrete Länge Ihre Arme, sondern die blosse Tatsache, dass Sie Arme haben, und dass die Arme eine Länge haben. Eben Ihre zum "Whisky-Holen" wichtigen Eigenschaften.

Gegen 2:00h sind sie fertig modelliert . Voller Erwarung fragen Sie, ob Sie jetzt den Film sehen und ein Glas Whisky trinken könnten. Die Antwort entrüstet Sie: Was denken Sie, dass das hier ist? Ein Kindergarten? Jetzt erst fängt der schwierige Teil an. Wir müssen die Methoden formulieren, die Sie und alle partizipierenden Objekte anwenden, um zum Ziel zu kommen. Sie sitzen ziemlich ratlos und wagen zu erwähnen, dass Ihre Methode darin besteht, zur Küche zu gehen, den Schrank aufzumachen, das Glas zu nehmen, und es mit Lagavoulin zu füllen. Die Gottheiten schauen Sie ironisch an. Sie unwissender Normalsterblicher! Sie haben uns eine Menge Methoden und jede davon nur unvollständig aufgetischt. Und denken, dass es so funktionieren würde? Sie erwähnen ganz verschämt, dass es ja jahrelang perfekt funktioniert hat. Aber die Gottheiten pfeiffen darauf und setzen ihr Werk fort.

Gegen 4:00h ist es nun so weit. Das ganze ist als Prototyp verfügbar und muss nun getestet werden. Der Test beginnt, sie stehen auf, gehen zum Schrank. Auf dem Weg dahin fühlen Sie sich leichter und leichter. Und plötzlich bleiben Sie stehen, obwohl Ihre Beine die Gehbewegungen vollführen. Sie schauen zum Boden und stellen mit Entsetzen fest, dass Sie ihn gar nicht berühren! Die Gottheiten sagen Ihnen ganz ungeduldig, dass Sie endlich weitergehen sollen. Sie antworten, dass dies nicht möglich ist, da Sie nur auf dem Boden, jedoch nicht in der Luft voranschreiten können. Die Gottheiten sind beleidigt. Wieso haben Sie es uns nicht gesagt? Wir haben für Sie den einfachsten aller Wege implementiert. Und da Sie von Ihrem Sessel zum Schrank gehen müssen, und sich der Sessel in einer niedrigeren Position als der Schrank befindet, müssen sie eben auf dem einfachsten direkten Weg dahin fliegen! Sie müssten uns schon sagen, dass Sie nicht fliegen können! Version 1.1 muss dann ein zusätzliches Objekt enthalten, nämlich Turbinen für Ihre Fortbewegung in der Luft.

Die Gottheiten tragen manuell die Koordinaten des Schranks in ihren Positionsvektor, damit der Test weitergehen kann. Plötzlich verschwinden Sie von Ihrer Position und befinden sich schwebend vor dem Schrank. Sie machen ihn auf und stellen mit Überraschung fest, dass er Tassen enthält! Oh, das ist nur ein kleiner Nebeneffekt der unvollständigen Modellierung. Version 1.1 wird dies korrigieren. Aber die Tassen können ja auch sehr wohl mit Whisky gefüllt werden. Nun machen Sie schon. Sie erwähnen, dass Sie ihre schönen Gläser haben möchten, stossen jedoch auf Unverständnis seitens der Gottheiten. Eine davon fragt Sie ironisch, ob Sie Whisky trinken möchten, oder ein Glas bewundern.

Enttäuscht nehmen Sie eine Tasse aus dem Schrank. Sie rütscht von Ihrer Hand Weg, fällt auf den Boden, und zerspringt in 1000 Stücke. Sie schauen ganz überrascht die Gottheiten an, versuchen es erneut, und… Kracks! Noch eine Tasse ist hin. Die Gottheiten schauen Sie ziemlich erniedrigend zu Ihnen - können Sie nicht mal eine Tasse halten? Nach 7 erfolglosen Versuchen werden die Gottheiten jedoch etwas perplex, denn selbst sie wissen nicht, was hier das Problem sein könnte. Bis eine davon aufschreit: Wir haben für den Kontakt Hand-Tasse keine Reibung implementiert. Und ohne sie muss die Tasse rutschen, es sei denn, er hält sie so, dass sich seine Hand waagerecht unter der Tasse befindet, damit die Schwerkraft keine senkrechte Komponente besitzt, die durch die stützende Hand nicht aufgefangen wird. Version 1.1 muss auch dies implementieren. Und nun zu Ihnen, halten sie die Tasse entsprechend! Sie bemerken, dass Sie dann die Tasse sehr schwer füllen können, da sie ja schweben, die Tasse so unnatürlich balancieren müssen, und ahnen, dass sie die Whisky-Flasche auch so halten müssen. Und wie sollen Sie die Flasche dann entsprechend kippen, damit der Whisky hinaus fliesst, ohne dass die Flasche zu Boden fällt? Hiermit ist der Test auch unmöglich - denken Sie. Aber die Gottheiten versehen den Boden der Flasche mit Superkleber, so dass der Test fortgesetzt werden kan. Nun machen Sie schon! Sie füllen die Tasse und versuchen zu trinken - aber sie merken, dass dies nicht geht. Sie müssen Ihre Hand entsprechend drehen und dann droht die Tasse auch zu fallen. Die Gottheiten kleben die Tasse auf Ihre Hand.
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